3/24/2020

Interview mit SimRacingGirl

Sinem Temur, besser bekannt als SimRacingGirl, wird unablässig präsenter in der SimRacing-Community. Was als Spaß begann, hat sich längst zu ihrer großen Passion entwickelt.

SimRacingGirl hat belgische und türkische Wurzeln und lebt in Deutschland. Die Influencerin diskutiert auf allen Social-Media-Kanälen neue Produkte, gibt oder präsentiert Interviews und stellt sich der Herausforderung, die Bestzeiten von Spitzen-SimRacern aus dem Porsche Esports Supercup (PESC) zu unterbieten. Wir trafen die 31-Jährige auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt zum Gespräch über SimRacing, den PESC und die Online-Community der SimRacer.

Wie kamst Du zum SimRacing?

2016 brachte mein Freund ein komplettes Equipment mit nach Hause – Sitz, Lenkrad, Pedale. Alle seine Freunde verbrachten den Abend bei uns. Der ganze „Jungs-Club“ hat SimRacing begeistert ausprobiert, da wollte ich auch mitmachen. Sie meinten aber, das sei nichts für mich, nichts für Mädchen und so weiter. Ich war sauer und wollte beweisen, dass ich das sehr wohl kann und schneller bin als die Jungs. Also begann ich täglich mit dem einzigen Spiel zu trainieren, das wir besaßen. Ich hatte viel Spaß daran und plötzlich wurde ich richtig gut. Mein Freund bemerkte, dass ich mich da wirklich schnell reingefunden hatte und das Spiel in sehr kurzer Zeit beherrschte. So ging es los.

Dein Freund führte Dich an die Welt des Motorsports heran?

Ja. Früher fuhr er selbst Motocross, aber er interessierte sich auch für Serien wie die MotoGP oder die Formel 1 und schaute sich die Rennen an.

Wie ging es weiter, nachdem Du die Jungs von Deinen Fähigkeiten überzeugt hattest?

Ich blieb einfach dabei. Ich kaufte sogar ein neues Lenkrad. Mein Freund schlug vor, zum Spaß einen Instagram-Account einzurichten.

Wir luden Videos von mir hoch und nannten den Account „SimRacingGirl“ – ohne zu ahnen, wie groß das Ganze werden würde.

Ehe wir uns versahen, hatte der Kanal viele Follower und der Simulator-Hersteller Vesaro entdeckte mich. Ich eröffnete einen YouTube-Kanal und begann mit Rezensionen.

Am Anfang stand also eine spaßige Idee?

Ja, genau! Dass es in der Szene kaum Frauen gab, spielte auch eine Rolle. Der Name „SimRacingGirl“ hat natürlich auch geholfen. Im Vergleich zu anderen Esports- und Gaming-Sparten ist SimRacing noch immer eine sehr kleine Community. Da ist eine Frau gut für die Szene.

Sprechen wir über Hardware. Was war Deine nächste Anschaffung nach dem Lenkrad?

Ich erhielt eine Vielzahl von Produkten zum Testen. Ein Cockpit von Vesaro, Ausstattung von Fanatec, sogar einen Windsimulator – viele verrückte Sachen.

Kürzlich bekam ich einen Simulator von D-Box Motion, der sich mit seinen Aktuatoren ständig bewegt. Der ganze Aufbau ist permanent in Bewegung und sorgt für ein noch intensiveres Fahrerlebnis, aber ich benutze ihn nicht immer.

Du begannst mit Project Cars. Welche SimRacing-Software benutzt Du heute?

Nach Project Cars spielte ich viel mit Assetto Corsa. Anschließend begann ich, mit iRacing zu trainieren – gemeinsam mit einem Freund, der ebenfalls SimRacer ist. Derzeit fokussiere ich mich wegen meines Engagements im Porsche Esports Supercup hauptsächlich auf iRacing.

Wie kamst Du zum Porsche Esports Supercup?

Porsche kontaktierte mich vor vier oder fünf Monaten mit der Frage, ob ich an einer Zusammenarbeit interessiert sei. Ich habe mich natürlich riesig gefreut – wer möchte nicht mit Porsche arbeiten? Außerdem macht die Serie richtig Spaß. iRacing ist eine anspruchsvolle Software. Die Online-Rennsimulation wird von vielen Spitzen-SimRacern genutzt, das macht den Wettbewerb wirklich interessant.

In meinen Videos versuche ich, den Rundenzeiten dieser SimRacer so nahe wie möglich zu kommen – aber das verlangt intensives Training. Ihr Niveau ist so hoch und ihr Speed so unglaublich, dass ich dieses Level unmöglich erreichen kann. Dennoch macht es Spaß, es zu versuchen.

Wirklich unmöglich?

Ja, davon bin ich überzeugt. Ich weiß nicht, wie deren Tagesablauf aussieht, aber einige dieser SimRacer scheinen permanent zu trainieren – das ist für mich kaum machbar. Ich habe einen Vollzeit-Job und kann an manchen Tagen gar nicht trainieren. Wenn ich dreimal pro Woche im Simulator sitze, dann ist das schon viel.

Was denkst Du über den SimRacing-Einstieg von Porsche?

Dieses Engagement unterstreicht definitiv die Ernsthaftigkeit von SimRacing. Ich glaube, es gibt noch immer Leute, die Esports für eine Spielerei halten.

Die Simulator-Abstimmungen sind heute extrem nah an den echten Fahrzeugen, beispielsweise durch die „Direct Drive“-Technologie bei den Sim-Lenkrädern. Dass Porsche sich nun stark in den Bereichen SimRacing und Esports engagiert, ist wirklich positiv für die Szene und wird ihr Wachstum definitiv beschleunigen – insbesondere durch solche Events, wie Porsche sie auf der IAA organisiert hat. So kommen viele Menschen in Kontakt mit SimRacing, die davon noch nie etwas gehört hatten. So lernen sie es kennen, können es ausprobieren und die Rennsimulation selbst erleben.

Was erwartest Du von der nächsten PESC-Saison?

Ich hoffe, dass sich noch mehr Menschen dafür interessieren. Es läuft schon ganz gut – viele schauen sich die Rennen an und diskutieren in der SimRacing-Community über den PESC. Hoffentlich legt die Reichweite noch weiter zu, denn das Format ist cool und der Anteil der richtig guten SimRacer sehr hoch. Ich hoffe auch, neue Gesichter zu sehen, vielleicht sogar noch eine weitere Frau.

Konntest Du feststellen, dass Dir weibliche SimRacer nacheifern?

Auf jeden Fall sind heute mehr weibliche SimRacer dabei als in meiner Anfangszeit. Ich denke, dass der Kanal SimRacingGirl daran Anteil hat. Ich glaube, dass die Jungs versuchen, ihre Freundinnen in den Simulator zu locken. Ich wünschte, diese Entwicklung ginge schneller.

Was würdest Du jenseits von SimRacing gerne tun?

Ich möchte wirklich gerne mit einem echten Auto auf einer echten Strecke fahren. Zuvor würde ich im Simulator üben und mich von einem Instruktor trainieren lassen, bevor ich mich dann real ans Steuer setze. Unabhängig davon sehe ich meine Zukunft im SimRacing. Nicht notwendigerweise im Wettbewerb, sondern mehr in der Community. Ich mag diese Gemeinschaft und finde es fantastisch, ein Teil davon zu sein.

Ist es nicht verrückt, dass Du erst vor drei Jahren eingestiegen bist?

In der Tat! Ich arbeite in einem Unternehmen, das SimRacing-Produkte herstellt. Also habe ich von früh bis spät SimRacing im Kopf. Mir ist bewusst, wie klein die SimRacing-Community Außenstehenden erscheint. Aber für mich ist sie riesig, weil ich ständig von SimRacern und SimRacing umgeben bin. Die Community ist fast zu meiner Welt geworden!

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