3/24/2020

Was haben die Formel E und SimRacing gemeinsam?

Realer und virtueller Rennsport entwickeln sich immer weiter aufeinander zu: Fans des klassischen Motorsports betreiben SimRacing, um ihrer Leidenschaft zu frönen. Gleichzeitig bereitet sich das TAG Heuer Porsche Formel E Team im Simulator auf seine erste Saison vor.

Wir sprechen mit dem SimRacer Mitchell DeJong und den Porsche Formel-E-Werksfahrern André Lotterer und Neel Jani über Gemeinsamkeiten ihrer Disziplinen.

Was ist SimRacing?

SimRacing ist eine Form des Esports, die auf realistische Rennspiele bzw. -simulationen zurückgreift. In der Vergangenheit waren Rennspiele noch von geringen Rechnerleistungen limitiert und weit entfernt davon, sich der Realität anzunähern Heute bieten sie dank der rasant voranschreitenden Computertechnologie eine täuschend echte Simulationserfahrung. Die virtuellen Rennwagen gleichen ihren realen Vorbildern nicht nur optisch bis ins Detail, sondern verhalten sich auch annähernd wie diese. Simulatoren mit eigenem Lenkrad inklusive Pedalerie ermöglichen ein realistisches Fahrgefühl, das SimRacer ebenso schätzen wie Formel-E-Rennfahrer, die mit deren Hilfe für ihre Renneinsätze trainieren. Der Effekt wird noch dadurch verstärkt, dass es mittlerweile Simulationslenkräder und Pedalerien gibt, die mit realistischen Lenkkräften und Widerständen aufwarten und dadurch deutlich spürbare Rückmeldungen von Fahrzeug und Strecke liefern wie es auch im echten Auto der Fall ist. Auf der Software-Seite greifen Rennsimulationen auf reale Rennstrecken zurück, deren Profil per Laserscan Zentimeter für Zentimeter genau abgebildet wird. Dadurch, dass die Fahrzeuge und ihre Umgebung zusätzlich auch noch fotorealistisch dargestellt werden, wird die Illusion perfekt, hinter dem Steuer eines echten Rennwagens zu sitzen.

Was ist Formel E und wie funktioniert der Wettbewerb?

Die Formel E unterscheidet sich vom traditionellen Motorsport: Anstatt auf Verbrennungsmotoren oder Hybridtechnologien setzt sie auf rein elektrisch angetriebene Rennwagen. Seit ihrer Gründung 2014 erlebt sie eine rasante Entwicklung, denn immer mehr Premium-Automobilhersteller engagieren sich in dieser Rennserie.

Zugunsten von Chancengleichheit und Kostenkontrolle verwenden alle Teams einheitliche Chassis und Batterien. Sämtliche Antriebskomponenten sind dagegen Eigenentwicklungen. Dazu gehören Elektromotor, Umrichter, Brake-by-Wire-System, Getriebe, Differenzial, Antriebswellen, die tragende Struktur und die dazugehörigen Fahrwerksteile an der Hinterachse sowie Kühlsystem und Steuergerät. Während sich die Teams in diesen Bereichen einen technischen Vorteil erarbeiten können, machen auf der Strecke vor allem die Fahrer im Kampf um Topresultate den entscheidenden Unterschied aus.

Wo liegen die Gemeinsamkeiten von Formel E und SimRacing?

Allen Unterschieden zwischen realem und virtuellem Motorsport zum Trotz: Eine bemerkenswerte Anzahl von Gemeinsamkeiten erklärt, warum die Simulatoren in beiden Bereichen gleichermaßen zum Einsatz kommen. Formel-E-Fahrer absolvieren den größten Teil der Rennvorbereitung vor dem Bildschirm. Dies gilt insbesondere für das intelligente Energie-Management. „Mit dem Batteriestrom richtig hauszuhalten ist super wichtig“, betont Neel Jani. „Im Simulator haben wir herausgefunden, in welchen Kurven sich durch langsame Fahrt oder Lupfen des Fahrpedals Energie einsparen lässt und wo es sich umgekehrt lohnt, zu boosten, also viel Energie einzusetzen.“

Mitchell DeJong ergänzt: „Das Energie-Management stellt auch im SimRacing einen zusätzlichen Aspekt neben dem eigentlichen Fahren dar. Wo Energie einsparen und wie viel im Zweikampf einsetzen – das sind entscheidende Fragen. Der Simulator berücksichtigt dies und die besten Fahrer haben hierzu eigene Strategien im Kopf.“

Insbesondere vor der Saison leisten die digitalen Testfahrten wertvolle Hilfestellungen und beschleunigen die Lernkurve. „Die ganze Vorbereitung begann im Simulator, dort kannst du alles Wichtige über die Formel E lernen“, erinnert sich André Lotterer an seine Anfänge in der rein elektrischen Rennserie. „Du kannst verschiedene Funktionen und Fahr-Modi testen und die gesamte Logik verstehen, mit der du ein Rennen hinsichtlich des Energieverbrauchs angehen musst.“ Im Wettkampf gegen andere Spieler können Simulatorrennen extreme Spannung aufbauen.

Trotz seiner grandiosen Karriere im realen Motorsport gibt SimRacing auch Neel Jani heute noch Adrenalinschübe, wie er nach dem simulierten Formel E-Rennen auf dem Porsche Messestand resumiert: „Auto gegen Auto, Windschattenspiele – das fühlt sich an wie im richtigen Leben. Natürlich beginnt es da zu kribbeln. Du kämpfst am Lenkrad, hast Stress, pumpst Adrenalin – das macht Spaß. Mir gefällt der Wettkampf, auch in der Simulation.“

Was unterscheidet die Formel E von SimRacing?

Mitchell DeJong hat Erfahrung als Teilnehmer bei realen Rallycross-Rennen als auch als SimRacer beim Porsche Esports Supercup (PESC). Er kennt die in seinen Augen größten Unterschiede zwischen virtuellem und realem Motorsport: „Am stärksten vermisse ich im Simulator, dass er nicht alle Sinne bedienen kann – online kommt es vor allem auf die visuelle Wahrnehmung an, denn du spürst zum Beispiel die Bewegungen des Autos nicht über den Sitz. Aber wenn du das ausblenden kannst und im Simulator ganz bei der Sache bist, dann fühlt es sich so wie im echten Fahrzeug an und du gehst mit der Technik und deinem Fahrstil genau gleich um.“

Nach seiner ersten SimRacing-Erfahrung auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt benennt Neel Jani den Unterschied zum Porsche Simulator in Weissach: „Hier auf der IAA fühlt sich der Porsche 99X Electric anders an, weil nicht alle Daten zur Verfügung stehen – Informationen bezüglich der Reifennutzung oder der Aerodynamik halten wir natürlich geheim. Diese kleinen Abweichungen sind ganz normal.“

Zwei der größten Unterschiede zwischen den beiden Rennwelten heißen Mut und Gefahr. Neel Jani beschreibt, wie unterschiedlich er eine schnelle Runde in der virtuellen und in der realen Welt angeht: „Wenn ich im Simulator in einer Kurve Zeit verliere, fahre ich sie in der nächsten Runde einfach schneller an und weiß anschließend, ob das funktioniert oder nicht. Im echten Leben arbeitest du dich in viel kleineren Schritten voran: Jeder Fehler hat bedeutend größere Konsequenzen und ist viel gefährlicher. Im Simulator kann sich niemand verletzen. Ohne eine reale Gefahr lässt sich das Risiko leichter ausreizen, dir kann ja nichts passieren. Das ist zumindest für mich der größte Unterschied.“

Wie beeinflusst SimRacing die Zukunft des Motorsports?

Dank SimRacing können Motorsport-Fans ihrem Traumziel ein Stück näher kommen und mit ihrem Lieblingsauto Rennen fahren. Aber auch professionelle Piloten aus der realen Welt haben Spaß am virtuellen Wettbewerb. André Lotterer erzählt, wie er SimRacing betreibt: „Ich habe einen Rennsimulator zuhause und benutze ihn normalerweise nur zum Spaß, wenn mich Freunde besuchen oder aber wenn ich tatsächlich eine neue Strecke lernen möchte. Gut gefällt mir am SimRacing, dass dadurch die Rennsport-Community insgesamt wächst. Realer Motorsport ist ein sehr teurer Sport. Nicht jeder hat die Chance, sich ein Kart zu kaufen und loszulegen. Ich finde es großartig, dass die SimRacing-Technologie so viel realitätsnäher geworden ist und nicht mehr isoliert stattfindet. Heute können viel mehr Menschen ihrer Rennleidenschaft nachgehen. Und wer weiß: Vielleicht entdecken wir im SimRacing sogar noch Supertalente.“

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